"Als Journalist Teil des Konflikts zu sein, ist kein Nachteil"

Der Nahostkonflikt bewegt die Gemüter, auch im knapp 3.000 Kilometer entfernten Dortmunder Rathaussaal. Denn dort sprach die langjährige Israel-Korrespondentin Inge Günther über ihre Arbeit, die doch nur von einem Thema dominiert wird: dem schon seit über 60 Jahre andauernden Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern. Was auf der Weltbühne mit viel Leidenschaft und Emotionen diskutiert wird, ließ auch am Friedensplatz manchen Zuhörer nicht kalt. In der anschließenden Diskussionsrunde wurde Moderatorin Prof. Dr. Susanne Fengler vorübergehend zur Mediatorin.

Eine Veranstaltung in Kooperation mit der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, der Evangelischen Studierendengemeinde und der Auslandsgessellschaft NRW. (v.l.n.r.) Prof. Fr. Susanne Fengler (Erich-Brost-Institut), Pfarrer Carsten Griese (ev Studierendengemeinde), Klaus Wegner (Präsident der Auslandsgesellschaft NRW) und Inge Günther (Israel-Korrespondentin), Foto: VKK Dortmund

Medien im Krieg

Vor allem seit der letzten Intifada im Jahr 2000 sei die Lobbyarbeit am Journalisten enorm gestiegen, und zwar von beiden Seiten, israelischer wie palästinensischer. „Man wird vorsichtiger, vor allem als Deutscher.“ Inge Günther schreibt gegen Vorurteile und Klischees an, sie versucht beide Seiten gleichstark zu beleuchten, für sie ist es wichtig, vor Ort zu sein, wirklich „hinzugehen“ und „immer wieder die Perspektiven zu wechseln“. Natürlich würde man, nach so vielen Jahren der Berichterstattung, zum Teil des Konflikts. Aber einen Nachteil sieht Inge Günther darin nicht: „Im Sinne einer engagierten Berichterstattung bringt der kühle Beobachter keinen Vorteil.“

Mit dieser Ansicht grenzt sie sich von ihren anglophonen Kollegen ab. Diese konzentrierten sich vor allem auf knallharte, faktenorientierte Fragen. Inge Günther hingegen bevorzugt die weiche emotionale Ebene, „auch wenn man die nicht so gut überprüfen kann und man dadurch manipulierbarer wird.“

Viel Unwissen und Halbwissen

Nach dem knapp einstündigen Vortrag der Korrespondentin war klar: Israel und der Nahostkonflikt interessieren. Doch leider ist die zum Teil große Anteilnahme beim deutschen Zeitungsleser überlagert von sehr viel Unwissen und Halbwissen, und in der Folge von Vorurteilen und Polemik.

Ein Zweispalter reicht für 60 Jahre Nahostkonflikt nun mal nicht aus. Strikte Zeilenvorgaben bei ihren Artikel erlauben meist nur wenig Raum für Hintergrund und Kontext. „Bei meiner Arbeit stoße ich immer wieder an Grenzen der Berichterstattung“, berichtet Günther.

Unterschiedliche journalistische Ansätze

Israels Presse sei, im Gegensatz zur Deutschen, kritischer und aggressiver, vor allem im Umgang mit Politikern. „Interviews autorisieren lassen? völlig unvorstellbar!“ Eine palästinensische Presse? Quasi nicht-existent. Es gäbe nicht viele Zeitungsleser unter den Palästinensern, so Inge Günther, zudem sei die Presse meist Sprachrohr der offiziellen Politik, es gäbe nur wenige unabhängige Köpfe „und die werden sofort von den großen internationalen Agenturen abgekauft.“

Eine Lösung für den Nahostkonflikt?

Inge Günther sagt, „den Konflikt muss man im Kontext sehen, nicht auf der Klein-Klein-Ebene.“ Sie sagt aber auch: „Dieser Konflikt ist äußerst komplex.“ Und dann spricht sie von Oslo und Anapolis, vom Rückkehrrecht der palästinensischen Flüchtlinge, von der erloschenen Euphorie vorangegangener Friedensinitiativen, der anschließenden Ernüchterung und fatalistischen Lebenseinstellung vieler Israelis, die vorm Konflikt die Augen verschließen und sich in eine westlich-orientierte Traumwelt stürzen: „Nur wenige Israelis wissen, wie es am Checkpoint richtig abgeht, obwohl auch in den israelischen Medien genug darüber berichtet wird.“

Auch wenn das von ihr als langjährige Korrespondentin vor Ort bisweilen erwartet wird, eine Lösung für den Konflikt hat auch Inge Günther nicht parat. Woher auch. Das ist schließlich nicht ihr Job. Sie hofft, wie zur Zeit alle Welt, auf Barack Obama, und ein bisschen auch auf Europa: „Aus eigener Kraft ist ein Frieden nicht zu leisten.“ Die Situation sei bitter, die Lage verfahren, Israel habe die rechteste Regierung seit Jahrzehnten. Die nächste Eskalation sei quasi vorprogrammiert. Inge Günther ist überzeugt: „Der Nachrichtenplatz Nahost bleibt spannend!“