Wanderer der Nacht. Eine Reportage

Transit Verlag 2010, ISBN: 9783887472443

In seinem neuesten Buch nimmt Wojciech Jagielski den Leser mit auf eine finstere Reise durch Afrika, genauer gesagt nach Uganda. Jagielski hat viele blutige Konflikte beschrieben, in denen sich die Kriegsparteien gegenseitig an Brutalität überboten, vielfach hat er auch seiner Verwunderung über das ungeheure Ausmaß der menschlichen Bestialität Ausdruck verliehen (Jagielski gibt häufig die Rolle des unparteiischen, objektiven Beobachters auf und lässt den Leser teilhaben an seinen Gefühlen, Zweifeln, seiner inneren Zerrissenheit). Diesmal hat er es jedoch mit dem Bösen schlechthin zu tun, das sich jeglicher Vorstellung geradezu entzieht.

Uganda, das über Jahrzehnte Bürgerkriegsland war, wurde von grausamen Diktatoren – wie dem berüchtigten Idi Amin – regiert, denen das menschliche Leben nichts bedeutete. Zurzeit herrscht dort relative Ruhe, obwohl in einer der ugandischen Provinzen weiterhin blutige Kämpfe ausgetragen werden. Tod und Vernichtung sät dort die „Widerstandsarmee des Herrn“, die von Joseph Kony, einem fanatischen, selbsternannten Propheten, geführt wird. Es ist eine Armee, wie sie die Welt bisher noch nicht gesehen hat: Sie besteht vor allem aus Kindern, die aus ihren Dörfern entführt und in gnadenlose Tötungsmaschinen verwandelt wurden.

Jagielski, dessen Text keine klassische Reportage ist (die Protagonisten sind keine realen Figuren, sondern wurden, wie der Autor in einem kurzen Vorwort schreibt, „für die Bedürfnisse dieser Erzählung aus mehreren wirklichen Figuren zusammengesetzt“), versucht die „Widerstandsarmee des Herrn“ zu beschreiben und das Besondere der Lebensverhältnisse in Uganda zu verstehen. In der Stadt Gulu, die in der umkämpften Provinz liegt, besucht Jagielski ein Umerziehungsheim, in dem Kinder, denen die Flucht aus den Rebelleneinheiten gelang oder die von Regierungstruppen gefangen genommen wurden, „geheilt“ werden. Dort lernt er den dreizehnjährigen Samuel kennen. Seine Beziehung zu dem Jungen ist schwierig, Jagielski – anderen geht es ähnlich - weiß nicht so recht wie er ein Kind behandeln soll, das sowohl ein Kriegsopfer als auch ein Kriegsverbrecher ist, der dutzende Menschen auf dem Gewissen hat.

Jagielski versucht auch dahinterzukommen, warum gerade dieses Land, das ein Paradies auf Erden sein könnte, ständig im brudermörderischen Krieg versinkt. Das ist nicht einfach, da die üblichen, rationale Erklärungen sich mit magischen vermischen, da die Ugander fest an den Einfluss der Geisterwelt auf die Wirklichkeit glauben (Kony selbst behauptet, dass der Heilige Geist durch ihn spreche).

"Jagielskis neuestes Buch ist ein bewegendes und bitteres Buch." Robert Ostaszewski