Exkursion nach Warschau
In der Auftaktveranstaltung der Seminarreihe "Innovationen im europäischen Journalismus" stand im Wintersemester 2008/09 das polnische Mediensystem im Vordergrund. Nach der Vorbereitung im EBH verbrachten die rund 20 Studenten drei Tage in Warschau.

Fotos: Lindekamp
Gespräch mit Korrespondenten
Bei ARD-Korrespondent Thomas Rautenberg bekamen die Studenten eine erste Einschätzung vom Journalimus in Polen. Der Journalist sprach über das Selbstbild der polnischen Journalisten. Als kritische Begleiter sähen sich die wenigsten. Eher als Streiter mit Feder und Block für ein erklärtes Ziel. Rautenberg hatte in den vergangenen Jahren daher nicht immer einen leichten Stand.
Er erzählt von seinen Bemühungen, die Wogen zwischen polnischen und deutschen Zeitungen zur Zeit der Fußball-EM zu glätten. Nachdem polnische Zeitungen die abgetrennten Häupter von Ballack und Co. gezeigt hatten, schoss die Bild-Zeitung verbal zurück. Brisant: Die polnische Zeitung Fakt, die den Streit anzettelte, gehört auch zur Springer-Verlagsgruppe.

Im ARD-Büro bei Thomas Rautenberg
Deutsche Investoren

Die Fakt-Redaktion
Auch die große Verlagsniederlassung von Springer besuchten die Studenten in der Hauptstadt des Nachbarlandes. Vor fünf Jahren hat sich der Springer-Verlag auf dem polnischen Zeitungs- und Zeitschriftenmarkt breit gemacht. Viele Titel sind schlicht ein Import aus Deutschland, wie der Bild-Klon Fakt.
Bei einem Rundgang durch die Redaktion der Boulevard-Zeitung konnten die Studenten die Bild-Zeitung mit ihrer polnischen Schwester vergleichen.
Zu Gast bei polnischen Zeitungen
"Gazeta Wyborcza" ist mit einer Auflage von rund 400.000 verkauften Exemplaren Polens größte überregionale Zeitung. Der Leiter des Wissenschaftsressort, Slawomir Zagorski. Er spricht über die Popularität seines Ressorts in den überregionalen Zeitungen und über Ausbildungswege im polnischen Journalismus.
"Das Journalismusgeschäft kann man nicht in Vorlesungen lernen, sondern nur, wenn man rausgeht, Geschichten recherchiert und die aufschreibt", antwortet der studierte Biologe auf die Frage, ob er ein Journalistik-Studium für sinnvoll erachte. Als einige Studenten von ihrer freien Mitarbeit neben dem Studium erzählen, erfahren sie eine weitere Besonderheit des polnischen Mediensystems: Zagorski bewältigt die anfallende Arbeit mit seinen fünf Wissenschafts-Redakteuren. Freie Zulieferer gibt es in Polen nur sehr selten.

Slawomir Zagorski (rechts) von der "Gazeta Wyborcza"
Nach Ansicht von Pawel Nowacki vom Verlag Polskapresse braucht es nicht viel, um ein guter Reporter zu sein. Beim Internetportal Wiadomosci24.pl haben die Bürgerjournalisten das Sagen. Über 16.000 Internet-Nutzer haben sich in dem Portal registriert, schreiben Geschichten und machen Fotos und Videos. Ein Erfolg, der zeigt, dass der Bürger als Journalist auch in Polen keine Zukunftsvision mehr ist.

Mit öffentlichen Verkehrmitteln zur nächsten Redaktion
Der private Nachrichtensender TVN
Gut 20 Satellitenschüsseln zieren das Dach des TVN-Gebäudes. Nach einem strengen Sicherheitscheck betreten die Studenten die Sendeanstalt und werden vom Programmverantwortlichen Adam Pieczynski empfangen. Er führt sie durch das prestigeträchtige Gebäude und die sehr gut ausgestatteten Studios.
"Hier wird professionelles, gewinnorientiertes Fernsehen gemacht", sagt er. "Es gibt kaum Unterschiede zum deutschen Privatfernsehen."

Adam Pieczynski bei TVN
Freizeit
Bei dem straffen Programm blieb den Studenten wenig Zeit, die Stadt zu besuchen. Vor der Zugreise in die Heimat reichte es aber noch für einen kleinen Abstecher in die Warschauer Altstadt.




